Wir sind's. Von Appen.
Wir sind's.Von Appen. 

Der kleine Karl

Ich heiße Emma und bin, wie es eben die meisten Menschen sind, verschiedene Dinge. Unter anderem bin ich Mutter, Schwester, Tochter, ein bisschen rundlich, blond gefärbt und im Herbst mindestens doppelt so gut gelaunt wie im heißen Sommer. Ich bin alles das und noch viel mehr und einiges davon bin ich, während ich arbeite. Meiner Arbeit als Krankenschwester nachgehe. Im neumodernen Fachjargon bin ich eine Gesundheits- und Krankenpflegerin, die sich vor vielen Jahren für die Arbeit in einem Hospiz entschieden hat.

Ein Haus, eingebettet in eine alte Hamburger Villengegend, beschattet von großen Kastanienbäumen, die seit Jahren über den Garten und die Hausbewohner wachen. Mauerwerk, das strahlend weiß ins Auge sticht, wenn man die Allee entlang schlendert. Ein Haus mit großen, offenen Fenstern, das freundlich zum Eintreten einlädt. Die Stätte meines Arbeitsalltags, die sterbenden Menschen einen Platz zum Verweilen bietet, wenn der Moment des Abschieds greifbar näher rückt.

Wenn ich beschreibe, mit welcher Arbeit ich einen Großteil meines Lebens fülle, blicke ich oft in skeptische, ab und an geradezu ungläubige Gesichter. Eine Angst schwingt mit, in ihren Augen und Stimmen. Eine Angst vor der eigenen Endlichkeit, einem Abschied nehmen, das mir vertraut geworden ist. Fragende wollen in Erfahrung bringen, wie der Umgang mit derartigem möglich geworden ist, der Alltag mit dem Ableben, der heutzutage manch einem einen Schauder über den Rücken jagt. Weil man nicht wahrhaben will, was sich irgendwann notgedrungen für jeden zur Selbstverständlichkeit wandelt.

Wie bereits erwähnt, bin ich vieles und in jedem Fall bin ich eine Krankenpflegerin, die gerne über die Schwelle jenes Hauses tritt, in dem ich sterbenden Menschen die letzten Augenblicke so angenehm wie möglich gestalte. Hinter dessen Wänden ich pflege und lerne und das ich immer wieder auf unterschiedlichste Art und Weise bereichert verlasse.

Selten gelingt es mir, das Unverständnis im Gesicht meines Gegenübers zu vertreiben, darum greife ich ab und an auf Erlebtes zurück, um das Wesen meines Arbeitsalltages zu verdeutlichen. Um mein Berufsleben in den Köpfen der Zuhörer etwas weniger abstrakt erscheinen zu lassen.

Da gibt es unter anderem jene Geschichte vom kleinen Karl, die ich vor nicht allzu langer Zeit miterleben durfte und an die ich mich jedes Mal gerne zurück erinnere.

 

 

Der kleine Karl. So wurde er uns vorgestellt, in der Akte, die in unserem Postfach landete und in der kurz über ihn geschrieben wurde. In wenigen Worten, weil es niemanden gab, der viel über ihn wusste. Der kleine Karl hieß so, weil er kleiner war, als der zweite Karl, der sich innerhalb der hiesigen Straßenszene einen Namen gemacht hatte. Der kleine Karl wurde uns vorgestellt, weil er in unserem Haus sterben sollte, in einem warmen Zimmer, mit der Möglichkeit sich in ein warmes Bett zu flüchten. Ein apfelsinengroßer Tumor hatte sich in seinem Kopf ausgebreitet und sich fordernd in weiteren Körperteilen niedergelassen. Der kleine Karl hatte einen großen Krebs, der nicht therapierbar war. So stand es in der Akte, die uns in der Teambesprechung auf den Tisch gelegt wurde, von einem auffordernden, fragenden Blick der Pflegedienstleitung begleitet. Sie würde sich seiner annehmen wollen, das sagte uns dieser Blick. Dem Team wurde das Recht geboten, zu verneinen, was sie als Herausforderung verstand. Der kleine Karl lebte seit vielen Jahren auf der Straße und in diesem Hospitz hatte noch kein Obdachloser zuvor seine letzten  Schritte getan. Die Frage für mich war nicht, ob wir ihn wollten, sondern ob er uns wollte, ob er bereit wäre, sich der Präsenz eines beständigen Daches über dem Kopf zu fügen. Ob er wünschte, dass wir seinen freiheitsgewohnten Körper versorgten, den es bisher stets nach draußen getrieben hatte.

Einigkeit spiegelte sich bald in den Gesichtern der Versammelten wieder. Der kleine Karl sollte einen Platz bekommen und begleitet werden, so gut es uns eben gelingen konnte.

Mir wurde die Aufgabe zugewiesen, ein Zimmer auszusuchen. Große, offene Fenster ließen spätsommerliche Sonnenstrahlen in den Raum meiner Wahl, hereindringende Windstöße brachten die weißen Vorhänge zum flattern. Nur das Nötigste an Mobiliar wartete hier auf die Ankunft des Neuankömmlings, der sich bereits in der Eingangshalle befand, während ich noch die Blumenvase in die Mitte des Tisches rückte.

Die erste Begegnung mit einem neuen Bewohner unseres Hauses war stets und ständig ein besonderer Moment, der Feingefühl und meistens viel Herzlichkeit verlangte. Ängstliche Menschen, vom Schicksalsschlag ihrer Krankheit gezeichnet. Unsichere Gestalten, manchmal nur noch Schatten ihrer selbst, die bei ihren ersten Schritten hier im Haus und ihren letzten in diesem Leben, eindringliche Fürsorge benötigten.

Tatsächlich habe ich schon unzählige Bewohner in ihre vier Wände begleitet, geschoben, gestützt und mich dabei an verschiedene Fragen oder Gesten gewöhnt, die üblicherweise der Entspannung beider Seiten dienlich gewesen sind. Der kleine Karl allerdings brachte mich mit seiner Erscheinung aus meinem altgedienten Hospizschwesternkonzept.  
Er stand vor mir wie ein kleines Hermelinmännchen, eingewickelt in vier
Klamottenschichten. Ob er dick oder dünn war, konnte ich schwerlich erkennen,
irgendwo zwischen zwei Schals und einer großen Mütze erspähte ich zwei Augen
und eine Nasenspitze. Keine Regung ließ sich innerhalb dieses kleinen
Ausschnitts erkennen. Keine Trauer, keine Wut, kein neugieriges Blintzeln, der
kleine Karl sah mich nur an und vermittelte mir das Gefühl, hier wäre jedes Wort der Floskeln und Phrasen verschwendet. Dennoch strahlte ich ihn an und wies ihm mit einigen erklärenden Worten den Weg. Er schlurfte neben mir her und kein Laut des Interesses entwich seinem stoffverdeckten Mund. Einzig ein Brummen signalisierte mir, dass nicht völlig ungehört bleibt, was ich so eifrig vor mich hin lamentierte. Im Zimmer setzte er sich auf einen Stuhl, gut gepolstert durch seine Stoffschichten. Ich
stand etwas hilflos vor ihm, mit herabhängenden Armen und dem Gefühl,
irgendetwas tun zu müssen, von dem ich nicht wusste, was es sein könnte. Noch
brauchte er keine Pflege, sein Zustand schien stabil, die Fürsorge, die ich ihm
gern zuteil werden lassen würde, lehnte er ab. Also verabschiedete ich mich vorerst
und warf noch einen Blick zurück, bevor ich die Tür leise hinter mir schloss.
Ein kleiner Klamottenberg, der etwas verloren in der Mitte des Zimmers saß, ich
konnte nur erahnen, dass sein Blick unter dem Mützenrand auf die Allee draußen
gerichtet war.

Das ist also die erste Begegnung mit Karl, dem Obdachlosen, gewesen, eine Begegnung, die mir wohl ewig in Erinnerung bleiben würde, ebenso wie sein Abschied, einige Monate später.    Natürlich werde ich ständig mit neuen menschlichen Eigenarten und Gewohnheiten konfrontiert, ich führe viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen, kaum einer ist mit einem anderen zu vergleichen. Gemeinsam allerdings haben sie, wenn sie ihren Weg zu  uns gefunden haben, liegend, sitzend, im besten Falle noch aufrecht gehend, dass sie nach Aufmerksamkeit verlangen, jeder auf seine Art. Der eine braucht Besuche und Gespräche, andere benötigen liebevolle Gesten. Wir sind gefordert zu besänftigen, festzuhalten, zu beschäftigen, Kommunikation und Schweigen im Repertoire bereitzuhalten.
Und natürlich letztendlich mithilfe unserer Pflege für die bestmöglichste,
verbleibende Lebensqualität zu sorgen. Die noch übrig geblieben ist, wenn ein
Mensch im Schatten seiner Krankheit ganz langsam in sich zusmmen sackt. Der kleine
Karl wiederum wollte keine dieser Eigenschaften, die wir uns im Laufe der Jahre
angeeignet hatten, in Anspruch nehmen. Der kleine Karl wollte weder täglich mit
frischen Blumensträußen versorgt oder von den Seelsorgern des Hauses besucht
werden. Er äußerte keinen Bedarf, keine Vorlieben, keinen Wunsch nach
Anwesenheit von zweiten Personen in seinen vier Wänden, obwohl er nach einigen Tagen bewiesen hatte, dass er des Sprechens mächtig war. Was er wollte,
war sein Leben, wir er es kannte, wie er es lange Zeit geführt hatte. Das
bedeutete also, dass er verschwand, sobald sich die Möglichkeit bot, er packte
sich ein paar folienverpackte Kekse vom Flurwagen in eine seiner vielen
Jackentaschen, steckte die Hände in zwei der übrig gebliebenen und marschierte
von dannen. Wohin er ging, das wussten wir nicht, ob und wie wir ihn
unterstützen konnten ebenso wenig. Jeden Mittag kam er zurück, blickte niemandem ins Gesicht, versteckte seine Person stets hinter so vielen Stoffschichten, dass er von weiter weg wie ein kleines, wandelndes Kissen mit zwei Augen wirkte.

In den Teambesprechungen wurde er immer wieder zu einem dringlichen Thema gemacht, wir hatten das Bedürfnis, ihm Erleichterung zu verschaffen und seine letzte Zeit durch schöne Momente zu bereichern. Beinahe geschlossen empfanden wir seine Gänge als Flucht, vor uns. Vor der Alternative zur Straße, die wir generell und gerade für einen geschwächten Menschen als schaurig empfanden. Vor der kurzen Zeit, die blieb und die wir gemeinsam mit ihm gestalten wollten.

Jeden Morgen ging er also los. Wohin genau ihn seine Schritte führten, das konnten wir ahnen aber nicht genau wissen, und wir ließen ihn kommen und gehen, wie es dem individualitätsfördernden Gedanken unseres Hospitzes entsprach.

Von unserem Hadern mit der Situation, mit ihm, der ging, wie er wollte, ohne uns kennen zu lernen, befreite uns die Pflegedienstleitung während einer Besprechung an einem Tag im Herbst, an dem Blätter wie Dauerregen auf den Boden prasselten. Der kleine Karl wurde schwächer, wir hatten es beobachtet, sie ebenfalls. Er schaffte es nur noch an wenigen Tagen, den Weg bis in die Stadt zu seinen gewohnten Plätzen zurückzulegen. Man sah seinem kleinen Gesichtsauschnitt an, wie sich die Krankheit darauf ausbreitete und ihm die Züge veränderte.   
Dass er schwächer wurde, der kleine Karl, bedeutete freilich noch nicht,  dass er sich auf sein Bett legte und mit Blick aus dem Fenster auf sein Ende wartete. Ihn zog es weiterhin nach draußen, auf eine Bank vor dem Haus, auf der er stundenlang saß und die Leute betrachtete, die an ihm vorbeizogen. Bewohner, Angehörige, zunächst etwas erschrocken von dem Kleiderberg und den wachsamen Augen in dessen Mitte, gewöhnten sich rasch an ihn und grüßten freundlich.                                             Die Außenansicht unseres Hauses war um ein weiteres, lebendiges Element erweitert worden. Unsere Pflegedienstleitung, diese kleine, drahtige Frau voll sprühender Lebensenergie, berichtete uns, dass sie den kleinen Karl seit ein paar Tagen stets zur
ähnlichen Zeiten traf, wenn sie ihre Runde durchs Haus lief. Immer am selben
Platz, in einer kleinen Nische vor der Treppe saß er und machte seine Pause,
weil ihm der Weg nach draußen in einem Stück zu lang geworden war. Anfänglich
war sie, wie sie es eben immer tat, mit ihrem breiten Lächeln stehen geblieben
und hatte sich nach seinen Wünschen und seinem Befinden erkundigt. Da ihre
Aufmerksamkeiten ähnlich begeistert gewürdigt wurden, wie das Bemühen ihrer
Mitarbeiter, ging sie dazu über, immer, wenn sie an ihm vorbeikam, kurz stehen
zu bleiben und ihn freundlich anzusehen. Zuerst beäugte er die kleine Dame skeptisch, als wüsste er nicht, ob er glauben sollte, dass sie nichts von ihm wollte,
keine Antwort, kein gezwungenes Lächeln. Dass er aber verlangen konnte, falls
ihm etwas in den Sinn kommen sollte, das ihm hier, auf seiner Reise nach
draußen vielleicht fehlen könnte.

Irgendwann fragte er sie mit rauer und kratziger Stimme nach einer Tasse Kaffee. Das erste Mal, seit er dieses Haus betreten hatte, verlangte er nach etwas.

Bis zum Ende war sie die Einzige, der die Ehre zukam, dass der kleine Karl fragte, wenn er etwas brauchte. Selbst heftigste Schmerzen ertrug er, bis sie irgendwann um die Ecke gebogen kam. Diese Frau war die Erste von uns, die es geschafft hatte, ihm das Gefühl zu geben, dass sie einfach für ihn da sein wollte, ohne ihrerseits Erwartungen an ihn zu stellen.

Ihre Geschichte berührte uns alle, die wir andächtig lauschend über unseren dampfenden Teetassen saßen. Es erleichterte uns den Umgang mit ihm und wir begannen, ihm kleine Gesten zuteil werden zu lassen.
Dinge, die er annehmen konnte, oder nicht, wie es ihm eben gefiel. Wir nahmen
uns den Druck, in Kommunikation treten zu müssen, ebenso wie ihm.

 

Lange hatten wir nicht gewusst, ob oder was er aß, wenn er stadtwärts unterwegs gewesen war. Nachdem ihn seine geschwächten Beine nicht mehr ganz so weit hinaustrugen, begannen wir, ihm schön angerichtete Mahlzeiten ins Zimmer zu stellen. Nett drapiert mit Serviette und Besteck warteten sie darauf, von ihm angerührt zu werden und er aß immer ein bisschen, manches Mal auch mehr. Durch einige Zutaten, die er konsequent auf den Tellern zurückließ, fanden wir heraus, was er mochte und welche kulinarischen Feinheiten ihn ganz und gar nicht überzeugten. Dementsprechend bekam er  nicht die Kürbissuppe, sondern die Frikadellen serviert und die zwei Brötchen wurden zu Graubrotscheiben gewandelt. Die parfümierten Waschlotions hatte er nicht angerührt, eine neutralere Seife, die ich experimentierfreudig daneben gelegt hatte, aber doch. Er benutzte nie große Handtücher, also bekam er viele kleine und nach und nach begann er sogar, einige der alten Klamottenschichten gegen neue Stücke zu tauschen, die wir ihm ins Zimmer gelegt hatten.

Als wir feststellten, dass sein Bett morgens immer häufiger nass war, weil er im Krankheitsverlauf zunehmend inkontinent wurde, legten wir ihm große Vorlagen ins Zimmer. Nie schlossen wir die Fenster, weil er sie immer wieder sperrangelweit aufriss und es zu genießen schien, wenn ihn die frische, kalte Herbstluft ununterbrochen umgab.                                                                                                          

Es hatte länger gedauert als je zuvor, aber nach und nach gelang es uns, den kleinen Bedürfnissen seines Alltages gerecht zu werden, die uns nach recht sprachloser Recherche greifbarer geworden waren. Wir hatten uns auf ihn eingestellt, uns umgestellt und wurden von ihm, dem kleinen Kleiderbergkarl angeregt, uns in seinem Fall von unseren üblichen Strategien abzuwenden. Unseren Blick zu erweitern und noch ein kleines bisschen professioneller reagieren zu können, angesichts eines Charakters, der eine große Herausforderung darstellte. Nicht, weil er uns Unmögliches abverlangte, sondern einfach, weil es hier einen wie ihn zuvor eben nicht  gegeben hatte.                Der Kleine Karl war hergekommen um zu sterben, das wusste er und das wussten wir.   Die Kräfte wichen aus seinem Körper, als würde langsam aber stetig die Luft herausgelassen. Er nahm von unseren stillen Gesten von Anfang bis zum Ende was er wollte und ließ liegen, was er nicht brauchte. Aber die Portionen, die er aß, wurden merklich kleiner. Die Tage, an denen er sich hinaus bewegte reduzierten sich nach und nach, die Schritte,die ihn nach draußen bewegten wurden schwerer, sein schleppender Gang gebeugter. So vollzog sich die Verschlechterung seines Zustandes ähnlich still wie seine Ankunft und der bisherige Aufenthalt. Ob er mit seinem Schicksal haderte, ob er einen Kampf ausgefochten hatte, um seine Diagnose, so hart sie sich in ihrer Unwiederruflichkeit eben anhörte, zu akzeptieren? Wir wussten es ebensowenig, wie wir etwas von seinem Werdegang erfahren hatten, er zeigte nie das Bedürfnis, mitzuteilen, was ihn zu dem hatte werden lassen, was er die letzten Jahre gewesen war.

Unsere hausinterne Psychologin nahm sich seiner an, als er das Bett bereits nicht mehr verlassen konnte, auch um herauszufinden, ob er kirchliche Begleitung wünschte. Er lag in dem großen Pflegebett, umgeben von Kissen und Decken, die ihm seine schützenden Kleiderschichten ersetzen sollten und brummte vor sich hin, dass er mit derlei Schabernack wohl nichts am Hut habe.                                                                           Auf die Frage, ob es ihm nach Aussprache verlangte, antwortete er, dass er nicht recht wüsste, warum er reden sollte, wo doch keine Rolle mehr spielte, was mal gewesen war. Die Psychologin verließ sein Zimmer nach einer halben Stunde mit nachdenklichem Blick, nachdem sie noch ein Weilchen an seinem Bett gesessen und sein abwesendes, blasses Gesicht betrachtet hatte. Sie berichtete nur kurz und bat uns, ihn nicht lange am Stück alleine zu lassen und auch weiterhin auf unauffällige Art und Weise für ihn da zu sein. Wie schwer es ihm fallen würde, sich zu verabschieden, ließ sich schwerlich prognostizieren, weil er niemandem Einblick gewährte, wie weit bereits losgelassen worden war.

Der kleine Karl schien immer noch ein wenig kleiner zu werden, wie er da so lag, wartete, und aus dem Fenster auf Bäume schaute, die inzwischen ihr Blätterkleid abgelegt hatten.

Kahle Äste streckten sich in den Himmel, an dem stetig graue Wolken vorüberzogen und vom nahenden Wintereinbruch erzählten. Unsere Pflege ließ er über sich ergehen, drehte sich folgsam, wenn wir seine Schutzhosen wechselten und seine Haut begutachteten, erduldete kommentarlos Spritzen gegen Thrombose in den Bauch und Morphiumpflaster auf dem Rücken. Es wurde keine Miene verzogen, als würde er sich für die Dauer der Behandlung aus seinem Körper schleichen. Ich stellte mir manchmal vor, wie er mit seinem erfahrenem Blick von der anderen Zimmerecke aus zusah, wie er versorgt wurde und sich Tag für Tag ein wenig mehr verabschiedete. Mit Augen, die wahrscheinlich schon mehr gesehen hatten, als die meisten von uns, im Laufe der Zeiten, die er in den Straßen dieser Stadt verbracht hatte. Einmal, während ich ihm mit einer Kollegin das Schmerzpflaster wechselte, murmelte er: „Winter ist doch eine gute Zeit. Zum gehen. Will man meinen.“ Ich sagte nichts, meine Hand strich ganz leicht über seine, eine kurze Bestätigung, Worte ersetzend, mit denen er bisher nicht viel zu tun haben wollte.

Es war Winter, als er ging. Tiefster, eiskalter Winter, mit Eisblumen auf den Fensterscheiben und zu kalten Temperaturen, als dass Schneeflocken ihren Weg auf die Erde hätten finden können. Unser Haus strahlte Wärme aus, freundliche Farben und Lichter schienen durch die Fenster auf die erstarrte Eislandschaft. Es war so kalt, dass alles um unsere warme Insel herum den Atem anzuhalten schien, damit er nicht in der Luft gefrieren würde. Der kleine Karl hatte sein Bett seit vielen Tagen nicht mehr verlassen können. Ein zusammengefallenes Männchen, das in einem halbmatten Zustand vor sich hinlebte, nicht entschlossen, ob es gehen oder doch lieber noch ein bisschen bleiben sollte. Unerreichbarer denn je. Selten öffneten sich seine Augen, noch seltener schien er zu erkennen, wo er sich aufhielt, wer die Gesichter waren, die auf ihn herunterschauten. Von wo die Stimmen kamen, die ihm zuredeten oder sich leise miteinander absprachen. Wem die Hände gehörten, die ihn sanft hin und her drehten und ihm kühlende Lotion auf dem Rücken verteilten. Niemand erwartete mehr, dass wir noch einmal seine Stimme hören würden, die er so selten hatte sprechen lassen.

Aber an einem Morgen während dieses kalten Winters, es war der sechste Monat, den der kleine Karl bei uns verbrachte, meldete er sich noch einmal zu Wort. Ein heiseres Krächzen, von langen, mühsamen Atemzügen unterbrochen, sagte: „Schwester..raus..Ich möchte gerne..raus.“

Es war ein Unterfangen, das auf den ersten Blick beinahe absurd erschien. Überhaupt irgend einen Menschen bei der Winterkälte hinaus zu lassen erschien unzumutbar. Wir standen am Fenster und beobachteten jene wenigen Menschen auf der Straße, die sich mit hochgezogenen Schultern bemühten, schnellstmöglich behaglichere Ecken zu erreichen. Einen sterbenden Menschen dieser Kälte auszusetzen, widerstrebte uns zutiefst und wir disskutierten zwiegespalten darüber, wie orientiert der kleine Karl gewesen war, als er seinen Wunsch hervorgebracht hatte. Ob er ihn möglicherweise infolge von Verwirrtheit geäußert haben konnte, hervorgerufen von einem Kopf, in dem ein kunterbunter Medikamentencocktail für ein ansehnliches Durcheinander sorgte?  Oder ob wir uns tatsächlich mit dem ersten, wirklich bedeutsamen Wunsch konfrontiert sahen, den er an uns richtete? Merle, eine Kollegin der ersten Stunde, hatte neben ihm gestanden und war die unmittelbarste Beurteilerin seines Zustandes. Üblicherweise sprach sie nicht viel mehr, als unbedingt gesagt werden musste und auch innerhalb unserer angeregten Debatte, hatte sie lange Zeit geschwiegen, ehe sie uns ihren Eindruck mitteilte:

„Er war nicht verwirrt. Das ist sein Wunsch. Er möchte gehen und er wird gehen und er möchte es draußen tun.“

Wir anderen sahen uns an. Merles klare und deutliche Worte erstickten alle Zweifel. Es war also unsere Aufgabe, dem sterbenden Karl in die überschaubare Weite unseres winterlichen Gartens hinauszuhelfen. Das erklärten wir gemeinsam zu unserem Ziel. Und nachdem es einmal festgehalten worden war, machten wir uns, in alle Richtungen ausschwärmend, auf den Weg der Umsetzung. Er sollte auf der Terrasse gebettet werden und wir brachten eine Matratze als Unterlage für die hölzerne Liege herbei, die dort stand und geduldig auf den Sommer wartete. Einige Decken und Kissen drapierten wir als Isolierung gegen eindringende Kälte. Der eingefallene Körper wurde in drei Klamottenschichten gehüllt, so dass er mich beinahe wieder an den aufrecht stehenden Kleiderberg erinnerte, den ich vor sechs Monaten in Empfang genommen hatte. Wir schoben ihn in seinem Pflegebett zur Terassentür und überließen es dem einzigen männlichen Pfleger des Hauses, den kleinen, ganz und gar nicht schweren Karl, in sein neues Bett zu heben. Da lag er also, wieder einmal eingewickelt in viele Meter Stoff und Polster. Allein seine Nasenspitze und die Andeutung zweier Augen luscherten hervor. Genug, um zu sehen, ganz deutlich und ohne Zweifel, dass er wach war. Nicht verwirrt, nicht einmal schläfrig schien er während dieses Momentes zu sein, in dem unser freiheitsliebenster Hausbewohner bemerkte, dass er endlich wieder draußen war. Ich stand mit Merle an seinem Lager und wir verständigten uns stillschweigend, dass er sicherlich für einen Moment alleine sein wollte, wie es ihm bisher stets am liebsten gewesen war. Als wir uns jedoch abwandten, um ins Haus zurückzukehren, machte er noch ein zweites und letztes Mal mit Worten auf sich aufmerksam. „Nicht allein.“ brachte er angestrengt hervor.

Den gesamten Tag, bis in die frühen Abendstunden blieb jeweils eine Pflegekraft neben seiner Liege sitzen, ebenfalls eingewickelt in zahlreiche Stoffschichten und mit einer Thermoskanne Tee neben sich. Saß stillschweigend bei ihm, wartete und war da, damit er nicht alleine sein musste, wenn der Moment des Loslassens kommen wollte. In seinen letzten Stunden zeigte er, dass er uns inzwischen vertraute, dass er unsere Nähe und kleinen Gesten zu schätzen gelernt hatte. Er tat uns einen Gefallen, indem er uns erlaubte, ihn zu begleiten. Während seinen allerletzten Schritten aus diesem Leben. Seinen letzten, leise schnappenden Atemzug tat der kleine Karl in der winterlichen Dämmerung, über ihm der Himmel, an dem sich das Grau des Tages in das dunkle Blau der Nacht verwandelte. Ganz leise war es, in ihm und um uns herum, als sich der kleine Karl aus der großen Welt verabschiedete.

Nach einer wahren Hamburger Begebenheit   -  erzählt von Janina Haas, 2014

 

© Ambulante Pflege von Appen GmbH

Ambulante Pflege von Appen GmbH

Rugenbarg 1
22549 Hamburg
040 - 800 77 76

info@von-appen.com

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag

9.00 - 15.00 Uhr und 

nach Vereinbarung

 

Unsere Kunden erreichen uns im Notfall rund um die Uhr,

Neuaufnahmen können kurzfristig bis 20.00 Uhr erfolgen

Aktuelles

Fahrsicherheitstraining für alle Mitarbeiter/innen

Unser Team beim Hafencity-Lauf 2016

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Ambulante Pflege von Appen GmbH